Motorische Lähmungen

Erlebnisbericht von Maria Gröner


Vor ein paar Jahren klagte meine Tochter morgens beim Aufstehen über Probleme mit ihrem Bein, genauer gesagt hatte sie Schwierigkeiten das Bein durchdrücken zu können. Sie schaffte es schließlich, in dem sie sich mit dem einen Fuß auf den anderen stellte und das Knie ganz langsam streckte. Sie humpelte auch stark und klagte überdies über Schmerzen und ein unangenehmes Spannungsgefühl in der Kniekehle, so, als ob da etwas dazwischen stecken würde.

Zunächst habe ich mir nicht allzu große Gedanken darüber gemacht, da diese Beschwerden mittags, als sie aus der Schule kam, wieder ver- schwunden waren. Doch am nächsten Morgen, nach dem Aufwachen, waren die Symptome wieder da, so dass ich sie schließlich beiseite nahm und gezielt fragte, was denn vorgefallen sei.

Nach der Neuen Medizin konnte es sich hier nur um eine motorische Lähmung handeln, also einen Konflikt des Nicht-entfliehen- bzw. Nicht- mitkommen-könnens oder Nicht-mehr-aus-noch-ein-wissens,
die Beine betreffend. Allerdings fiel ihr dazu nichts ein. Erst als ich den Konfliktinhalt Nicht-entfliehen- in Nicht-fortlaufen-können umformuliert hatte, machte es „klick" und es sprudelte nur so aus ihr heraus.

Es war folgendes passiert: Sie hatte mit ihren Klassenkameraden in der Pause „Nachlaufen" gespielt, wobei die Kinder sich eigene Regeln aufgestellt hatten, der Art, dass es schon genügt, wenn man jemanden berührt, ohne ihn „gefangen" zu haben. Bei diesem Spiel hatte sie bereits ein Kind berührt, sich aber an dessen Kleidung festgehalten, weil das Mädchen, entgegen den Regeln, einfach weitergelaufen war.

Bei dieser Rangelei kam sie aber unbeabsichtigt einem 7-Klässler ins Gehege, der sie daraufhin brutal schubste, so dass sie zu Boden fiel. Doch damit nicht genug. Dieser Junge kam drohend auf sie zu, trat mehrmals nach ihr, und sie lag hilflos am Boden und konnte nicht fortlaufen, also dieser Situation nicht mehr entfliehen.

Doch was tun? Sich in der Schule beschweren oder den Jungen zur Rechenschaft ziehen, das hätte die Sache wahrscheinlich nur noch verschärft. Immerhin sah sie den Jungen öfter auf dem Schulhof und sie hatte inzwischen panische Angst vor ihm. Sie erzählte mir, dass sie seitdem jede Nacht davon träume, wie er sie wieder brutal zusammen- trete.

Sie bekam also jede Nacht ein Konflikt-Rezidiv mit anschließender Krise. Das erklärte mir auch, warum morgens immer das ganze Bett durchwühlt war. Daraufhin habe ich sie einmal im Schlaf beobachtet, wie sie in der Nacht ganz heftig mit den Beinen austrat. Sie hatte einen kleinen epileptischen Anfall bekommen, ohne jedoch einzunässen. Morgens tat ihr dann das Bein weh, und die Beschwerden die sie daraufhin hatte, waren bis mittags meist wieder verschwunden.
Der Konflikt war also hängend, der durch die Träume immer wieder kurzfristig aktiviert wurde.

Eine Patentlösung hierzu war mir noch nicht eingefallen. Deshalb habe ich ihr vorgeschlagen, dem Jungen einfach zu verzeihen. Doch das fiel ihr nicht leicht. Trotzdem, immer wenn sie ihn sah, hat sie leise zu sich gesagt:
„Ich verzeihe Dir."

Eines Tages saß der Junge auf einer Mauer im Schulhof. Sie hatte ihm gerade wieder einmal verziehen, da fiel er plötzlich aus unerklärlicher Ursache von der Mauer herunter, ohne dass ihn irgend jemand berührt hatte. So unglaublich das jetzt klingen mag, aber seitdem war der Konflikt für sie gelöst. Zwar kommt sie gelegentlich mal wieder auf die Schiene, wenn sie im Streit oder beim Sport getreten wird, doch zum Glück dauert es nicht sehr lange, da sie gelernt hat einfach zu verzeihen. Daß sie aber überhaupt in solchen Situationen immer wieder nach gleichem Muster reagiert, das konnte sie bisher nicht verhindern.

Bereits im Kindergarten gab es mal eine Phase wo sie angeblich nicht laufen konnte, wenn ich sie abholte, weil ihr das Bein wehtat. Ich dachte zunächst, dass sie nur müde wäre und deshalb nicht laufen wollte.
Doch die Sache verhielt sich ganz anders:

In dieser Zeit, sie war vielleicht 3 Jahre alt, sind wir einmal sonntags mit mehreren Familien und Kindern in den Wald gegangen. Unterwegs kamen wir an einer Höhle vorbei. Einer der Männer machte mit den älteren Kindern seine Späße und erzählte, in der Höhle sei ein Löwe der sich dort versteckt hielt. Und um seinen Ausführungen Nachdruck zu verleihen ging er ein Stück in die Höhle hinein und brüllte aus Leibes Kräften - wie ein Löwe.

Meine kleine Tochter, die sich auf dem Arm meines Mannes befand, klammerte sich in Panik an ihn fest. Meine Einwände zu solchen Spielchen, wurden in den Wind geblasen, weil die älteren Kinder offensichtlich ihren Spaß daran hatten.

Schon bald danach fiel mir auf, dass meine Tochter seitdem sehr ängstlich war, schlecht schlief, viel schrie, nicht richtig aß. Für mich war klar, dass das mit diesem Ereignis zusammenhängen musste. Also versuchte ich mit dem Kind darüber zu reden, was aber keinen sichtbaren Erfolg brachte.

Ich überlegte mir daher, mal mit dem Bekannten zu sprechen der das Löwengebrüll veranstaltet hatte. Ich ging also zu ihm und versuchte ihm zu erklären, dass die Veränderungen erst seit dem Spaziergang im Wald aufgetreten seien und bat ihn inständig, mir bzw. dem Kind zu helfen und zwar in der Weise, dass wir die Situation noch mal nachstellen und meine Tochter sich dann ja davon überzeugen könnte, dass nicht ein Löwe, sondern er dieses Gebrüll veranstaltet hatte. Dazu habe ich ihm den Fall „Papa Noel" aus dem „Goldenen Buch" kopiert und ihn gebeten, das einmal zu lesen.

Doch ich stieß massiv auf Widerstand. Nicht nur, dass er das alles für Unsinn hielt, nein, er dachte auch, ich wollte ihm die „Schuld" an dem Zustand meiner Tochter geben. Doch mir ging es gar nicht um Schuld, denn niemand ist schuld, wenn ein anderer so oder so reagiert.

Es änderte sich nichts. Inzwischen ging sie zwar in den Kindergarten und ich hatte die Hoffnung, dass sie ganz allmählich dieses Ereignis vergessen würde. Aber offenbar hing die Sache oder sie kam immer wieder auf die Schiene.

Eines Tages nahm ich allen Mut zusammen und trug dem Bekannten meine Bitte noch einmal vor. Diesmal war er zu meinem Erstaunen sofort dazu bereit. Wir organisierten ein Zusammentreffen bei uns zu Hause, verdunkelten den Raum und stellten diese Szene, inklusive Löwengebrüll, noch mal nach. Und siehe da, meine Tochter hatte tatsächlich begriffen, wer der „Löwe“ war, und sie schimpfte den Bekannten auch anschließend tüchtig aus, weil er ihr so viel Angst gemacht hatte.

Wenige Tage später, sie schlief friedlich in ihrem Bettchen, kam ich gerade dazu, als sie sich einnässte (epileptische Krise). Da wusste ich, dass dieser Konflikt endgültig überstanden war.

Wenn ich es mir aber recht überlege, ist der ursprüngliche Konflikt wahrscheinlich noch viel früher zu suchen. Denn während ich noch im Wochenbett lag, hatte meine Kleine eine „Gelbsucht“ (sie ist Links- händerin) und wurde von heute auf morgen von mir getrennt und in die Uniklinik gebracht. Dort hat man ihr täglich Blut abgenommen - aus den Fersen, wie ich später erfahren habe. Es wäre doch denkbar, dass sie damals ebenfalls schon so reagiert hat, weil sie dieser Quälerei nicht entfliehen konnte, auch wenn ich das seinerzeit noch nicht bemerkt habe.

Sie ist außerdem ein sehr anhängliches Kind, das auf Trennungen sehr stark reagiert, z.B. mit geröteten Augen (nach der Lösung), wenn sie mich mal wieder kurzfristig „aus den Augen verloren" hat.
Neulich ist sie mit ihrem Sportverein das erste Mal über Nacht alleine (d.h. ihre Freundin war auch dabei) zu einer Veranstaltung gefahren.
Sie hat zwar x-mal zu Hause angerufen, doch es hat ihr nicht nur Spaß gemacht, sondern es gab auch keinerlei Probleme. Ich war einerseits sehr glücklich über die Entwicklung und andererseits ein wenig traurig darüber als mir bewusst wurde, dass jetzt so langsam der Ablösungsprozess beginnt.

Zur Zeit betreue ich aus Gefälligkeit ab und zu für ein paar Stunden ein Mädchen im Alter meiner Tochter, wenn die Mutter, die in unserem Ort arbeitet, mal irgendeine Besorgung machen muss. Das Kind hat auch schon öfters nachts bei uns geschlafen, daher sollte im Gegenzug meine Tochter auch einmal bei ihr übernachten, obwohl der Wohnort
ca. 30 km von uns entfernt ist. Nach der Erfahrung die sie ja inzwischen gemacht hatte, war sie auch gerne dazu bereit. Also fuhr ich sie dorthin und sie hat sich sogar richtig darauf gefreut.

Die beiden Mädels haben am Abend gekocht, d.h. sie haben Salat zube- reitet. Darüber müssen sie sich aber gestritten haben und das Mädchen hat im Streit zu meiner Tochter gesagt: „Wenn Du das nicht so oder so machst, dann kannst Du ja gleich wieder nach Hause fahren." Aber das war nicht möglich, sie konnte ja nicht einfach weglaufen oder nach Hause fahren, obwohl sie das am liebsten getan hätte. Natürlich hätte sie mich auch anrufen können, doch das hat sie sich nicht getraut.

Als sie dann die erste Nacht wieder zu Hause war, konnte sie morgens wieder nicht laufen. Mittags war alles vorbei, aber am nächsten Morgen das gleiche Spiel. Natürlich sind wir der Ursache schnell auf die Spur gekommen, aber die Schiene ist nun einmal da. Wir werden weiter daran arbeiten und ich denke, dass sie es mit der Zeit noch lernen wird mit dieser Schiene besser umzugehen.

Schlimm für mich ist nur, dass ich mit niemanden in meiner Familie darüber sprechen kann. Keiner weiß etwas davon, und ich habe natürlich meiner Tochter auch erklären müssen warum man noch mit niemanden darüber sprechen kann. Ich muss Entschuldigungsgründe erfinden, wenn ich sie vom Sport befreien lassen muss, bzw. nicht zum Sporttraining schicke, da sie sich in dieser Phase evtl. unsportlich fühlen könnte, und sie sich dann gleich den nächsten Konflikt, diesmal einen sog. Unsportlichkeits-Konflikt einfangen würde.

Trotz allem bin ich glücklich, dass ich die NEUE MEDIZIN kenne, denn ich wäre doch längst mit meiner Tochter zum Arzt gegangen - und wer weiß, was daraus entstanden wäre.